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Ausstellung
17. — 26. Juni 2016
Ort
Luzern
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Master Projekte
2016

Wir sind da

Im Herbst 2016 zog ein Teil der Hochschule Luzern – Design & Kunst in das Gebäude «Bau 745» in der Viscosi-Stadt um. Bereits im Sommer davor stellten Studierende des Master of Arts in Fine Arts mit den beiden Studienrichtungen Art in Public Spheres und Art Teaching während zehn Tagen Arbeiten der Öffentlichkeit vor, die parallel zu den Sanierungsarbeiten am ehemaligen Laborgebäude der Viscose während des zweijährigen Studiums entstanden waren. Sie stellten sich der Aufgabe, künstlerische oder vermittelnde Projekte zu entwickeln, die sich auf Themen, Orte oder Akteure rund um das Viscose-Areal und die Gemeinde Emmen bezogen.

Auf einer ersten gemeinsamen Exkursion nach Emmenbrücke im Frühling 2015 wurde schnell klar: Das ist ein Ort, der sich stark verändert und laufend umgebaut wird. Offensichtlich geschieht dies nicht zum ersten Mal. Das Ortsbild ist geprägt von grossen, raumgreifenden Veränderungen der letzten 150 Jahre, die jeweils parallel zur Entwicklung der beiden grossen Industriebetriebe von Moos Stahl und Viscosuisse stattgefunden haben. Emmen ist dementsprechend auch ein wichtiger Schauplatz der Zentralschweizer Industrie- und Arbeitergeschichte. Das Wohl der Gemeinde ist eng mit dem Aufstieg und Niedergang der hier ansässigen Betriebe verbunden und seine Architektur auf vielfältige Weise von dieser Geschichte gezeichnet. Der aktuell laufende Umbau aber findet zusätzlich vor dem Hintergrund eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels der Gemeinde statt. Emmen legt sein Image als Industrieort ab und will sich als Bildungs-, Dienstleistungs- und Wohnstandort neu erfinden. Der Umzug der Hochschule Luzern – Design & Kunst und das damit verbundene Versprechen eines kreativen Milieus, das sich hier neu ansiedeln wird, stellen offensichtlich einen wichtigen Meilenstein dar. Weitere, unübersehbar spektakuläre Zeichensetzungen sind schon in Vorbereitung, etwa die Wohnsiedlung «Urban Hybrid» des weltbekannten Architektenbüros MVRDV. Nicht zufällig waren deshalb viele der Projekte, die von den Studierenden letzlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, vom Bedürfnis geprägt, Momente festzuhalten,  das Verschwinden vergangener Epochen aufzuhalten, der Flüchtigkeit der Zeit die eigene Präsenz entgegenzusetzen und sich selbst in den Raum einzuschreiben, einen Moment lang da zu sein.

Die Projekte der Studierenden stellten über ihre Situationsbezogenheit hinaus auch aktuelle Ansätze zur Diskussion, wie man im Rahmen eines künstlerischen Prozesses mit den vielfältigen und oft widersprüchlichen Phänomenen und Themen des Alltags einer Agglomerationsgemeinde im Kontext von postindustrieller Globalisierung umgehen kann. Sie setzten sich insbesondere mit Fragen von künstlerischer Produktion in konkreten Situationen und gesellschaftlichen Kontexten auseinander. Damit standen sie im Diskursfeld zeitgenössischer Befragungen von Produktionsverhältnissen – künstlerischer wie gesamtgesellschaftlicher. Maurizio Lazzarato1 hatte diesbezüglich eine Theorie der «Parallelen» zwischen Ereignisästhetik und Produktionsbedingungen im globalen Kapitalismus der Gegenwart formuliert. Demnach stellen Produktionsbedingungen von Kunst und Kreativwirtschaft nicht länger einen Sonderfall im globalen Kapitalismus dar, sondern übernehmen eine Vorreiterrolle und werden sogar zu einem Paradigma. Weiter stellte er die Behauptung auf, dass es in der Kunst wie in der Gesellschaft nicht mehr um Fragen der Repräsentation gehe: «Warum kann das Paradigma der Repräsentation weder in der Politik funktionieren noch in den künstlerischen Ausdrucksweisen, und hier insbe- sondere in der Produktion von Werken, die bewegte Bilder einsetzen?» Fragen der Repräsentation waren auf das «Paradigma Subjekt – Arbeit gegründet» (...), in welchem «die Bilder, die Zeichen und die Aussagen die Funktion haben, das Objekt, die Welt zu repräsentieren». Im aktuellen Produktionsparadigma kommt diese Rolle aber dem Ereignis zu. Wie sich unter diesen Produktionsbedingungen die Rolle der Produktionsgebäude von der Fabrik zum Unternehmen und somit vom Zweckmässigen zum Anschaulichen oder Repräsentativen verschiebt, so verschiebt sich auch der Umgang mit Bildern, Zeichen und Aussagen – sie bilden nicht mehr nur Realitäten ab, sondern intervenieren in diese und realisieren sie neu.

Mit Blick auf die Viscosi-Stadt und den bevorstehenden Umzug der Hochschule Luzern – Design & Kunst und der damit verbundenen Erwartung der Gemeinde Emmen, zukünftig zu einem Standort für die «creative industries» zu werden, waren die Studierenden mit einer zusätzlichen Frage konfrontiert, welche die Bedeutung der künstlerischen Praxis in der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung betrifft. Einer kritischen künstlerischen Position kann es nicht ausschliesslich um Fragen der Repräsentation gehen, einschliesslich der Re- präsentationskritik. Vielmehr muss es um Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Produktionsbedingungen im aktuellen globalen Kapitalismus und Kritiken der «Ereignis-Verwertung» durch künstlerische Produktionen gehen. Deshalb wurden in einigen der Projekte auch Fragen von Image und Inszenierung aufgegriffen und die damit verbundenen unumkehrbaren gesellschaftlichen Setzungen kritisch beobachtet und beleuchtet, etwa das Engagement der Viscosuisse für die Freizeitgestaltung und Gesundheitsvorsorge der Mitarbeitenden oder mögliche Gentrifizierungseffekte, welche der momentan laufende Umbau in Emmen haben könnte.

Sabine Gebhardt Fink & Peter Spillmann

1www.eipcp.net/transversal/1003/lazzarato/de

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